Produzentin Nicole Swidler zur Entstehungsgeschichte
Am Anfang stand die Liebe zu einem Platz und seinen Bewohnern, dem Boxhagener Platz im Osten Berlins, in der ehemaligen DDR. Nachdem ich den gleichnamigen Roman von Torsten Schulz gelesen hatte, war es, als hätte ich allen Bewohnern dort in ihr Wohnzimmer und den Kochtopf geguckt. Ich konnte mir diesen Kosmos bis ins kleinste Detail vorstellen. Liebte den lakonischen Humor, den besonderen Berliner Charme, die große Menschlichkeit, die durch alle Figuren und die Geschichte durchschimmerte. Die Temperatur des Buches, irgendwo zwischen trotziger Melancholie und warmherziger Schnoddrigkeit.
Für mich war immer klar, das ist keine eigentliche Geschichte über die DDR. Sondern über die Lebens- und Überlebensmechanismen ganz normaler Leute. Die versuchen ihre Träume, ihre menschlichen Überzeugungen in einer Welt aufrechtzuerhalten, die ihnen zunehmend unmenschlich erscheint. Die Art, wie sie das machen, imponierte mir. Und ich sah in dieser tapferen Stehaufmännchen-Mentalität etwas, das uns in Ost wie West im Herzen tief verbindet. Alles verpackt in die wunderbar raubeinig erzählte Liebesgeschichte zwischen zwei Alten, der Friedhofsfanatikerin Oma Otti und dem Ex-Spartakisten Karl Wegner. Überdies ist der Roman eine so herrliche wie zeitlose Hommage an Berlin und die Berliner.
Der Film im Kopf war gezündet. Und ich wusste: Niemand anderer als der Autor Torsten Schulz wäre der Richtige, um die spezielle Stimmung auch in ein Drehbuch zu transponieren. Gebhard Henke und Barbara Buhl vom WDR hatten sich – glücklicherweise – ebenfalls sofort in den Roman verliebt und ihr Interesse bezeugt. Eine positive Unterstützung, die man in so einem frühen Stadium gar nicht hoch genug bewerten kann und der sich schließlich bald noch der RBB und Arte anschlossen.
Doch richtig Bewegung kam erst in das Projekt, als sich Matti Geschonneck für den Film interessierte. Es hätte keinen besseren Regisseur für diesen Film geben können: Matti Geschonneck ist selbst Anfang der 60er Jahre am Boxhagener Platz aufgewachsen. Er ist einer der besten Schauspielerregisseure Deutschlands, ideal für diesen Ensemblefilm. Matti hatte sofort ein sehr starkes, klares Gefühl dafür, welche Stimmung er erzählen wollte. Der größte Glücksfall war für mich als freie Produzentin schließlich die Zusammenarbeit mit Claussen+Wöbke+Putz Film, auf die ich, nach einem Produzentenwechsel weg von einer Bavaria-Tochter, mit der ersten Drehbuchfassung zuging. CWP hatten bereits mit Matti Geschonneck gearbeitet und man schätzte sich gegenseitig sehr. Jakob Claussens Visionen zum Stoff erweiterten den Film zutiefst. Ich kenne wenige Partner, die Kinofilme machen und ihre Künstler so lieben. Und noch dazu so sympathische Menschen und Arbeitspartner sind. Kreativ sowie menschlich schließlich die perfekte Heimat für den Film.
Wir brauchten neun Drehbuchfassungen, bis wir ganz sicher waren – das genau ist der Film. Denn das Tückische war, dass der Roman mit einer Erzählerstimme arbeitete und im Wesentlichen aus der Perspektive des 12-jährigen Holgers erzählte, was wir beides für den Film nicht wollten. Insgesamt war die Entstehungsgeschichte also eher ein Marathon. Doch die Liebe zu dem kleinen Kosmos namens Boxhagener Platz und seinen Figuren hat uns alle bis zum letzten Tag befeuert. Wunderbar, was so ein kleiner Platz im ehemaligen Osten bewirken kann...