Autor Torsten Schulz über...

...Roman und Drehbuch

Die filmische Anmutung des Romans ist genau genommen eine Täuschung denn sein Hauptwirkungselement ist die ironisch-melancholische Betrachtung der Vorgänge durch den inzwischen erwachsenen Erzähler, der sich mit seiner Betrachtung dem zwölfjährigen Jungen nähert, der er einmal war. Voice over für den Film zu verwenden, stand irgendwann nicht mehr zur Debatte. Mit voice over kann man Handlung komprimieren, einen Erzählton schaffen, die Innenwelt von Figuren beleuchten, aber man kann all dies auch anders zuwege bringen: indirekter, per Untertext, durch Konzentration aufs thematisch Wesentliche.

Das Drehbuch hat bestimmt nicht die Reichhaltigkeit des Romans, es ist, wenn man‘s mit einer literarischen Gattung vergleicht, eher novellistisch. Ich liebe dieses Funktionelle, das gute Drehbücher an sich haben. Ich liebe die gestische Rede von Figuren, die ein Fest für Darsteller sein kann. Den knappen, pointierten Dialog, der einer Szene zugrunde liegt und ihr gewissermaßen eine Architektur gibt. Die Adaption des eigenen Romans war für mich eine Reise in bekanntes Material, das noch mal fremd werden musste. Eine Reise mit Umwegen. Mit Erschöpfungen, aber auch ein paar unverhofften Lustmomenten.

...Oma Otti

Der Name einer Figur hat, ob man will oder nicht, immer Bedeutung – für die Charakterisierung der Figur, für die Tonalität des Stoffes, für das Genre... Oma Otti ist ein Name, der zu Berlin passt, gewissermaßen auch ein Milieuname, aber nicht auf eine so gewöhnliche Art wie beispielsweise Oma Erna. Oma Berta _– so hatte ich Otti zuerst genannt – wäre zu grob gewesen, Oma Lilly zu fein. Oma Otti hat durch die beiden O’s einen schönen Klang. Der Name assoziiert Schwung, Skurrilität, Herzlichkeit. Und so ist die Figur. Und auf die natürlich naheliegende Frage, ob sich hinter Otti meine eigene Großmutter verbirgt, antworte ich salomonisch und wahrheitsgemäß: Ja und nein. Oder nein und ja...

... Friedhofskultur

Der Friedhof ist für die Alten das, was für die Jungen die Disko ist. Das könnte ein Satz von Oma Otti sein, die von Karl gefragt wird, ob sie seine Frau nicht mal mitgießen könne, weil er für drei Wochen nach Bayern rüber müsse. Eine Art von Anmache, die sie ganz und gar nicht unbeeindruckt lässt. Der Friedhof ist für Otti ein Stück Heimat, denn fünf Ehemänner hat sie unter die Erde dieses Friedhofes gebracht, und der sechste liegt schon im Sterben. Dementsprechend hat sie auf dem Friedhof viel zu tun. Arbeit und Erholung in einem, wenn man so will. Was will man mehr?

...Rouladen

Meine Kindheit definiert sich auch über Essen und die Bedeutung von bestimmten Gerichten: Gräupchen, Nierchen, Lungenhaschee, Herz oder Bregen (das Gehirn vom Schwein) waren mir ein Graus. Erbsen, Linsen, Wirsingkohl waren häufiges Mittelfeld; Buletten, Schnitzel und Rouladen Highlights. Die Roulade muss man dabei noch unterscheiden: Die Fleischroulade gab’s höchstens sonntags, die Kohlroulade auch in der Woche. Die Kohlroulade war eine tückische Angelegenheit, denn sie hatte einen Faden um sich herum. Verschluckte man den, drohte Darmverschlingung mit tödlicher Konsequenz. So wurde mir als Kind schon bewusst, dass Essen auch sehr gefährlich sein kann.

...Berliner Dialekt

Ist auch eine gefährliche Sache. Insofern er schnell ins Folkloristische abrutschen kann, während er es verdient hat, Poesie zu sein. Berliner Dialekt ist gut, wenn er Ausdruck von Haltung ist und in diesem Sinne etwas über die Figuren erzählt, die ihn ausüben. Am besten ist Berliner Dialekt als Ausgeburt von Lakonie und Galgenhumor. Und das ist genau das Gegenteil dieses furchtbaren „Ickedettekiekemal”, das uns Touristenführer und sogenannte Unterhaltungsliteratur als Berliner Dialekt verkaufen wollen.